Der Frisör mit dem langen Nagel

B Z - P O R T R Ä T : Vor sieben Jahren kam Mohammad Mohammad als Flüchtling nach Bad Säckingen / Jetzt führt er einen Salon

Drei Millimeter sollen es werden, oben auch etwas kürzer und dazwischen ein Übergang. Mohammad Mohammad nickt und setzt die Haarschneidemaschine an. Der Rasierer surrt, es kitzelt ein wenig im Nacken. Mohammad drückt den Haarschneider behutsam gegen den Kopf, schiebt ihn nach oben und raspelt die ersten Haare ab. Dann beginnt er zu erzählen: "Ich bin Mohammad Mohammad, 35 Jahre, aus Syrien, Muttersprache Kurdisch." 2015 ist er vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen. Im Oktober hat er seinen Frisörsalon "Coiffeur Derki" in der Rheinbadstraße in Bad Säckingen eröffnet. Hier frisiert er Männer und Frauen. Der Salon sieht aus, wie ein typischer Barbershop eben aussieht. Braune Frisörstühle im Chesterfield-Stil, große Spiegel an den Wänden, rot-weiß-blaue Barberpoles. Boden und Wände sind in hellen Beigetönen gehalten, moderne Leuchten und ein Kronleuchter an der Decke. An der langen Seite des Raums zwei Sofas, links zwei Becken zum Haarewaschen. Bis zu sechs Köpfe können hier gleichzeitig frisiert werden. Bislang macht Mohammad aber noch alles alleine. "Man muss sich Zeit geben", sagt er. Wenn der Laden ins Laufen kommt und er sich eine Stammkundschaft aufgebaut hat, will er sich Unterstützung holen. "Mein Ziel ist, für jeden Stuhl einen Frisör anzustellen."

Seine Flucht ging über die Balkanroute


Mohammad, etwa 1,75 Meter groß, dunkle Haare, die an der Seite schon leicht grau werden, erzählt dann von seiner Flucht. "Wie ich nach Deutschland gekommen bin, war eine Katastrophe." Über Griechenland, die Türkei und die sogenannte Balkanroute kam er nach Europa, teilweise zu Fuß. Wie genau, will er nicht sagen. Er unterbricht das Haareschneiden. Auch seine sieben Geschwister haben Syrien verlassen. Drei sind in den Irak geflohen, die anderen auch nach Europa. Heute lebt Mohammad in Laufenburg. Sein Salon Coiffeur Derki trägt den Namen einer Stadt im Norden Syriens. Dort, in Derki, ist Mohammad aufgewachsen. Aus Liebe zur Heimat habe er den Namen gewählt. Von seiner Familie ist niemand mehr dort. "Alle meine Freunde sind auch raus oder gestorben." Auch er kann nicht mehr zurück. "Die nehmen mich sofort für den Krieg. Beide Seiten, kurdische und arabische, jeder sucht jemanden." Würde er nach Derki gehen, würde er eingezogen. "Aber ich will nicht kämpfen, ich will nicht töten, ich will nicht sterben. Ich will keinen Krieg. Ich will in Frieden leben." Mohammad setzt den Rasierer ab. "Seitlich in Ordnung?"

Erst wenn ein Frisör ausgelernt ist, bekommt er in Syrien Geld


Nach seiner Ankunft hat er einen Deutschkurs gemacht und fing bald eine Ausbildung zum Frisör an – obwohl er schon Frisör war. "Ich konnte schon Haare schneiden." In Syrien hatte er sogar ein eigenes Geschäft. Deshalb stieg er im zweiten Jahr bei einem Frisör in Tiengen ein. Danach wechselte er nach Rheinfelden. In Lörrach hat er 2019 den Meister gemacht. "Die Theorie war schwer wegen der Sprache."

Mohammad hat das Haareschneiden nach der Schule gelernt. Sechs Monate dauere die Ausbildung in Syrien, nur Praxis: "Man lernt so lange, bis man es kann." Zuerst schneide man die Haare von Freunden, Bekannten und Brüdern. "Aber keine fremden Kunden, die lassen dich nicht. Die Kunden bezahlen Geld, da müssen die Haare gut sein." Dann übe man an den Kindern der Nachbarn, bis man es irgendwann kann und auch richtige Kunden frisieren darf. "Dann bekommen wir Geld."

Er legt den Haarschneider beiseite. "Wie viel kürzer oben? Einen Zentimeter?" Er nimmt die Sprühflasche, feuchtet die Haare an und beginnt zu schneiden. In Deutschland müsse man viel mehr Theorie machen. "Hier waren manche im dritten Jahr, die konnten die Schere noch nicht halten." Der Fokus sei ein anderer: "Man lernt, wie man Kunden bedient. Aber jeder weiß das." Auch in der Praxis gebe es Unterschiede. In Syrien müsse man nur schneiden, färben und Augenbrauen zupfen. In Deutschland hat er gelernt, wie man eine Dauerwelle frisiert.

Er liebt sein Handwerk, sagt Mohammad. Schon als Kind sei er davon begeistert gewesen: "Der Frisör hat einen langen Fingernagel, schneidet Haare, seine Hände riechen nach Parfüm, die Kleider sind sauber. Da habe ich gesagt, das ist ein schöner Beruf." Einen langen Fingernagel am kleinen Finger hat Mohammad auch. Der sei Schmuck und man könne damit Strähnen aufteilen.

Als er im vergangenen Jahr durch Bad Säckingen spaziert ist, habe er im Fenster seines heutigen Salons einen Zettel gesehen. Das mit dem Bau- und Gewerbeamt habe ein bisschen gedauert. Dann habe er den Raum saniert und eingerichtet. "Ich wollte nach Bad Säckingen. Hier gefällt es mir, die Innenstadt ist schön." Finanziert hat er die Einrichtung des Salons mit Ersparnissen und Geld, das ihm seine Geschwister geliehen haben. Einen Kredit bei einer Bank aufzunehmen, sei keine Option gewesen. Im Islam ist die Erhebung von Zinsen verboten.

Mohammad holt den Föhn, rasiert noch einmal Nacken und Schläfen. Im Handspiegel zeigt er den Hinterkopf. "So ist es gut, oder?" Während er Wachs in die Haare reibt, erzählt er, dass einer seiner Brüder ebenfalls in Laufenburg lebt. "Vielleicht macht er eine Ausbildung und lernt Frisör." Wer ihn ausbilden würde, stünde natürlich schon fest.

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